Über uns
ICNP® erleichtert internationalen Austausch von Pflegeinformationen
Entstehung der ICNP
Die International Classification for Nursing Practice (ICNP) ist ein Projekt, das 1989 vom International Council of Nurses (ICN) ins Leben gerufen wurde. Mit der ICNP sollen pflegebezogene Informationen in Form einer gemeinsamen Terminologie weltweit so zur Verfügung gestellt werden, dass sie zur Strategieentwicklung in der Gesundheitspolitik herangezogen werden können. Der ICN möchte den Austausch und den weltweiten Vergleich von pflegebezogenen Daten insbesondere mit Hilfe neuer Informationstechnologien fördern. Darüber hinaus soll der spezielle Beitrag der Pflegenden im interdisziplinären Behandlungsteam beschrieben und zwischen der Arbeit von Pflegenden und derjenigen anderer Fachleute im Gesundheitswesen differenziert werden.
Die World Health Organization (WHO), die maßgeblich die Anwendung von Klassifikationen im Gesundheitswesen koordiniert, hat die ICNP als krankheits- und gesundheitsrelevante Klassifikation in die WHO-Familie der Gesundheitsklassifikationen anerkannt. Damit ist es möglich, sowohl bestehende als auch neue Pflegeklassifikationen mit der ICNP als Referenzterminologie mit weiteren Gesundheitsklassifikationen zu verbinden. Mit Referenzterminologie ist ein System gemeint, durch das der Gesamtbestand der Begriffe und ihrer Benennungen in einem Fachgebiet so beschrieben werden, dass alle Benennungen zu anderen bestehenden Klassifikationen darin abgebildet sind.
Zur Bildung der ICNP wurden bereits vorhandene Klassifikationen der Pflege aus verschiedenen Ländern benutzt, um ein System mit großer Reichweite und internationaler Verfügbarkeit zu entwickeln. Mit der ICNP werden die drei Dimensionen Pflegephänomene (Beschreibung eines pflegebezogenen Zustandes, einer Pflegediagnose), Pflegeinterventionen und Pflegeergebnisse dargestellt.
Nach nunmehr zwanzig Jahren Projektarbeit ist eine sehr große Zahl an Einzelprojekten entstanden, die sich mit speziellen Aspekten der ICNP-Entwicklung beschäftigen. Der ICN stellt im Programmbereich ICNP sowohl die Klassifikation in englischer Sprache auf der Plattform C-Space als auch eine Fülle von Informationen über die internationale Entwicklung bereit (u. a ein ICNP Bulletin, eine Referenzliste mit Literatur und eine Auflistung der internationalen ICNP Projekte). Ein bedeutendes Teilprojekt war die Herausbildung der Struktur und der Bauprinzipien der Klassifikation, sowie die Identifizierung und Zuordnung der pflegebezogenen Begriffe. Diese Projekte wurden unter den Bezeichnungen Telenursing, Telenurse und TelenurseID-ENTITY vom Dänischen Institut für Gesundheits- und Pflegeforschung (DIHNR) durchgeführt und finanziell durch die EU unterstützt. In einem ersten Arbeitsschritt wurden Begriffe aus allen verfügbaren pflegebezogenen Klassifikationssystemen der Welt zusammengetragen. Diese wurden geprüft, verglichen, nach ihrer Relevanz selektiert und miteinander in Beziehung gesetzt. Als eine erste Rohfassung der Klassifikation erschien 1995 die sogenannte ICNP Alpha-Version, die 1999 durch die Beta-Version, 2005 durch die Version 1.0, und 2008 durch die Version 1.1 erweitert wurde. Auf dem letzten ICN-Kongress in Malta im Mai 2011 wurde die Version 3.0 offiziell vorgestellt.
Aufbau und Struktur
Die ICNP besteht aus einem umfangreichen System von Begriffen, die miteinander in Beziehung stehen. Jeder Begriff ist anhand einer Definition näher beschrieben und beinhaltet die Beziehungen und Abgrenzung zum Nachbarbegriff in der Klassifikation. Die vielschichtigen Inhalte der ICNP erforderten zunächst eine Differenzierung der verschiedenen Oberbegriffe, wodurch die ICNP zu einer multiaxialen Klassifikation entwickelt wurde. Dadurch entsteht die Möglichkeit, Begriffe aus verschiedenen Achsen später zu kombinieren und so komplexere Aussagen zu formulieren. Die ICNP Version 1.1 (und fortfolgende Versionen) besteht im Unterschied zu der Vorgängerversionen (ICNP Beta-Version mit 16 Achsen) aus sieben Achsen mit folgenden Oberbegriffen.
Abbildung 1: Die sieben Achsen der ICNP Version 1.1
| Achsenstruktur der ICNP |
|
| Achse | Definition |
| Fokus | Der Themenbereich, der für die Pflege relevant ist |
| Beurteilung | Einschätzung, bezogen auf den Fokus der Pflege |
| Mittel | Eine Weise oder eine Methode, um eine Intervention durchzuführen |
| Handlung | Ein zielgerichteter Prozess, angewendet für oder durchgeführt durch einen Klienten, Patienten oder Bewohner |
| Zeit | Zeitpunkt und -intervall, Häufigkeit, Dauer, Ereignis |
| Lokalisation | Anatomischer Ort oder Körperstelle einer Pflegediagnose oder einer Intervention |
| Klient | Person, auf welche sich eine Pflegediagnose bezieht und auf die eine Intervention gerichtet ist |
In Abbildung 2 ist beispielhaft die Kernstruktur der Achse Fokus (pflegebezogene Themenbereiche) abgebildet (aus Platzgründen ist es nicht möglich, den gesamten Inhalt darzustellen). Anhand der Abbildung wird deutlich, dass oben ein sehr allgemein gehaltenes Ausgangsthema steht, von dem sich alle darunter stehenden Begriffe ableiten. Je weiter unten die Hierarchie betrachtet wird, desto konkreter werden die bezeichneten Begriffe.
Abbildung 2: Kernstruktur der Achse Fokus (pflegebezogene Themenbereiche)

Die Möglichkeit zur Kombination von Begriffen aus verschiedenen Achsen erlaubt es, detaillierte Gesamtaussagen zusammenzustellen. So kann z.B. die Aussage zu einer Beschreibung der gesundheitsbezogenen Situation des Patienten in Form einer Pflegediagnose aus bis zu sieben verschiedenen Einzelkomponenten bestehen, die aus den sieben Achsen der ICNP stammen. Den Ausgangspunkt einer solchen Beschreibung stellt hierbei immer ein Thema aus der Fokusachse dar. Über die Achse Beurteilung erfolgt eine Einschätzung des Zustandes anhand verschiedener Adjektive. Die Abbildung 3 illustriert diesen Prozess der Kombination von Begriffen auszugsweise an einem Beispiel. Die gewonnene Aussage lautet hier: Die Mobilität des rechten Armes des Patienten ist kontinuierlich zu einem hohen Grad beeinträchtigt.
Abbildung 3: Beispiel zur Kombination von Begriffen aus den sieben Achsen der ICNP-Version 1.1
| Pflegediagnose | |
| Achse | Definition |
| Fokus | Mobilität |
| Beurteilung | beeinträchtigt; hoher Grad |
| Mittel | |
| Handlung | |
| Zeit | kontinuierlich |
| Lokalisation | rechter Arm |
| Klient | Patient |
Zur Beschreibung von Pflegeinterventionen wird als Ausgangspunkt ein Begriff aus der Handlungsachse ausgewählt und mit mindestens einem Ziel-Ausdruck kombiniert, der aus allen Achsen außer der Beurteilungsachse stammen kann. Zusätzlich können Ausdrücke aus allen sieben Achsen nach Bedarf ergänzt werden. Die Pflegeintervention im Beispiel der Abbildung 4 kann wie folgt zusammengefasst werden: Die trockene Haut des Patienten wird mit einer Creme am Abend eingerieben. In diesem Beispiel entspricht die Haut des Patienten dem Fokus der Handlung.
Abbildung 4: Beispiel zur Kombination von Begriffen aus den sieben Achsen der ICNP Version 1 zur Bildung einer Pflegeintervention
| Pflegeintervention | |
| Achse | Definition |
| Fokus | Haut |
| Beurteilung | Trockene |
| Mittel | Creme |
| Handlung | Einreiben |
| Zeit | Abend |
| Lokalisation | Rücken |
| Klient | Patient |
Als dritte Dimension bietet die ICNP die Möglichkeit, Pflegeergebnisse zu beschreiben. Dazu werden die Beschreibungen aus den sieben Achsen genutzt, mit denen Pflegediagnosen gebildet wurden, die den Zustand des Patienten zu einem bestimmten Zeitpunkt beschreiben. Wird diese Zustandserhebung zu einem zweiten Zeitpunkt wiederholt, so können die Informationen verglichen werden. Der Vergleich von Zustandsbeschreibungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten wird in der ICNP als Pflegeergebnis bezeichnet.
Abbildung 5: Darstellung eines Pflegeergebnisses anhand der Veränderung des Zustandes eines Patienten von Zeitpunkt I zu Zeitpunkt II
| Pflegeergebnis | ||
| Zeitpunkt I | Zeitpunkt II | |
| Achse | ||
| Fokus | Mobilität | Mobilität |
| Beurteilung |
beeinträchtigt; hoher Grad |
beeinträchtigt; niedriger Grad |
| Mittel | ||
| Handlung | ||
| Zeit | kontinuierlich | zeitweise |
| Lokalisation | Rechter Arm | Rechter Arm |
| Klient | Patient | Patient |
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die ICNP eine kombinierbare Terminologie für die Pflegepraxis darstellt, welche gestützt auf existierende Terminologien und Klassifikationen aus verschiedenen Ländern entwickelt wurde und sich als umfassende Referenzterminologie versteht. Dadurch wird ermöglicht, dass ein überregionaler Austausch von Schlüsselinformationen zwischen verschiedenen Institutionen und über Ländergrenzen hinweg vereinfacht und in gewisser Weise standardisiert wird. Besonders wichtig erscheint in diesem Zusammenhang das cross-mapping zu etablierten Pflegeklassifikationen wie z.B. der NANDA Taxonomie I, der Nursing Intervention Classification (NIC) oder der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) und anderen.
Unabhängig von der Entwicklung der ICNP strebt die Internationale Organisation für Normung (ISO) an, Standards für die Formulierung von Pflegediagnosen und Pflegeinterventionen zu etablieren. Die erarbeiteten Entwürfe zur formalen Struktur entsprechen in wesentlichen Teilen dem oben dargestellten Aufbau der ICNP (ISO Referenzmodell für Pflegediagnosen und Pflegeinterventionen). Der ICN ist bestrebt, die Kooperation mit anderen Entwicklern zu intensivieren und die ICNP möglichst universell anwendbar zu gestalten.
Die Entwicklung der ICNP ist keineswegs abgeschlossen. So stellt z.B. die Übersetzung der ICNP in ca. 30 Sprachen eine enorme Herausforderung dar und hat immense Ressourcen in Anspruch genommen. Zwar kann ein Großteil der Übersetzungen komplikationslos erstellt werden, im Detail ergeben sich jedoch etliche Schwierigkeit, wenn Begriffe beispielsweise kulturspezifisch geprägt sind oder die Bedeutungsinhalte stark voneinander abweichen.
Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass das freie Kombinieren von ICNP-Begriffen für die praktische Anwendung zu aufwändig und zu wenig strukturiert ist. In einem weiteren Entwicklungsschritt werden zur Zeit sinnvolle Begriffskombinationen definiert und diese in Form von Katalogen für bestimmte Anwendungszwecke zur Verfügung gestellt. Hierzu hat der ICN eine Richtlinie entwickelt, die in einem 10-Stufen-Verfahren Bereiche der klinischen Pflegepraxis für die Abbildung durch die ICNP erschließt. Der erste Katalog umfasst den pflegerischen Tätigkeitsbereich rund um die Unterstützung und Schulung zur Erreichung und Erhaltung von Therapietreue. In Schottland wird im Rahmen der Erstellung eines Community Nursing Catalogues durch die nationale Gesundheitsbehörde ICNP integriert, um die Abbildung der Versorgung durch ambulante Pflege zu erreichen.
Entwicklung in Deutschland, der Schweiz und Österreich
In der Anfangszeit hat die Beteiligung der deutschsprachigen Länder eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Durch zahlreiche Initiativen in den 1990er Jahren und die Gründung der Deutschsprachigen ICNP-Nutzergruppe haben Deutschland, die Schweiz und Österreich inzwischen einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der ICNP geleistet. Dies gipfelte 2004 in der Gründung des weltweit ersten ICN Accredited Research & Development Centre: Deutschsprachige ICNP-Nutzergruppe.
(überarbeiteter Beitrag: König, P., P. Tackenberg. Internationale Klassifikation für die Pflegepraxis. In: Die Schwester Der Pfleger, 06/2009, S. 568-572)