Auf dem Weg zu einer Pflegeterminologie - die Rolle der deutschsprachigen ICNP-Nutzergruppea

Frank Dörre, Matthias Hinz

Inhalt

Dokumentation und Klassifikation

Eine Pflegedokumentation, die alle aktuellen Anforderungen an die Qualitätssicherung und Leistungsabrechnung erfüllt , ist ohne eine abgestimmte und etablierte Fachsprache nicht möglich. Dies gilt insbesondere für eine EDV-gestützte Dokumentation am pflegerischen Arbeitsplatz. Voraussetzungen für eine praktikable und wissenschaftlich begründete Dokumentation pflegerischer Tätigkeiten sind:

Gegenwärtig bietet die "Internationale Klassifikation für die Pflegepraxis (ICNP)" mit ihren Termini sehr gute Voraussetzungen, als internationale Pflegefachsprache genutzt zu werden. Obwohl Bestandteil einer international abgestimmten Klassifikation, müssen die Termini / Benennungen / Bezeichnungen aus der Klassifikation national und auch regional akzeptiert werden. Für die Akzeptanz und Weiterentwicklung der Pflegeterminologie ist deshalb. eine breite, möglichst stabile Organisationsstruktur eine entscheidende Voraussetzung.

Die deutschsprachige ICNP-Nutzergruppe

1996 wurde festgestellt, dass aus keinem deutschsprachigen Land irgendeine Aktivität im Rahmen der ICNP-Entwicklungsprojekte eingebracht worden war. Internationale Klassifikationen sollte man jedoch mitgestalten, will man sich nicht über ihre Mängel ärgern, sobald ihre Einführung vom Gesetzgeber verlangt wird und sie in der täglichen Praxis angewendet werden müssen.

Außerdem wurde bereits Pflegesoftware entwickelt; die Frage nach deren Allgemeingültigkeit und Akzeptanz war zu stellen. Wer nutzt schon eine Software, in deren Nutzeroberflächen die bisherige (lokale) Pflegepraxis sich nicht widerspiegelt?

Am 25. April 1997 wurde deshalb auf dem ersten deutschsprachigen Workshop zur ICNP in Dresden die Deutsche ICNP-Nutzergruppe gegründet. Sie hatte bis Dezember 2001 ihren Sitz am Institut für Medizinische Informatik und Biometrie der TU Dresden. Nachdem die ICN-Partner DBfK, ÖGKV und SBK entschieden haben, die Arbeit der Nutzergruppe künftig zu koordinieren, ist ihr Sitz zur Bundesgeschäftsstelle des DWK verlegt worden. Ihre Aufgabe hat sich nicht verändert: Als neutraler, interdisziplinärer und unabhängiger "runder Tisch" führt sie VertreterInnen der Pflegepraxis, der Pflegewissenschaft, des Pflegemanagements, der Pflegepädagogik, der Pflegeinformatik sowie von interessierten Herstellern von Pflege-Informationssystemen zusammen.

Im März 1998 erfolgte auf einer ICNP-Tagung in Freiburg mit Teilnehmern aus Österreich und der Schweiz die Erweiterung zur "Deutschsprachigen ICNP-Nutzergruppe". Dadurch konnte gesichert werden, dass alle Aktivitäten in den deutschsprachigen Ländern von Beginn an koordiniert und gebündelt wurden.

Seit dem Herbst des Jahres 1998 erreichte die Arbeit der Nutzergruppe durch die offizielle Mitarbeit der TU Dresden als Partner des EU-Projektes TELENURSE:ID eine neue Qualität. Auf verschiedenen nationalen und internationalen Konferenzen wurde die Arbeit der Gruppe vorgestellt.

Warum eine Nutzergruppe?

Steckbrief der Nutzergruppe

Mitgliederstruktur:

Wichtig in einer Arbeit, die in die Praxis einmünden soll, sind Partnereinrichtungen, die alle Belange der Praxis in die gemeinsame Arbeit einbringen. Dies waren in den ersten Jahren:

Der Praxiseinsatz ist inzwischen an der MHH am weitesten fortgeschritten.

Aufgaben und Ergebnisse

In den Jahren von 1998 bis 2000 nahm mit der TU Dresden erstmals eine deutschsprachige Einrichtung am Projekt TELENURSE teil. Seit 2000 arbeitete auch ein deutscher Partner aus dem kommerziellen Bereich, die Firma HINZ Organisation, im EU-Projekt mit. 1997 wurde die Alpha-Version, 1999 die Beta-Version durch die TU Dresden ins Deutsche übersetzt. Die Beta-Version wurde in den Jahren 2000 bis 2001 durch die ICNP-Nutzergruppe konsensualisiert.

Zahlreiche Grundsatzfragen über die Zielstellungen, die Einsatzorte, die zukünftigen Nutzer, die nationalen Belange usw. wurden am Anfang der Übersetzung diskutiert und geklärt. Spannungsfelder wurden herausgearbeitet und Lösungsansätze erarbeitet. Die Übersetzung erfolgte nach dem Versionenprinzip zunächst in regionalen Arbeitsgruppen. Die regionalen Ergebnisse wurden anschließend in der Nutzergruppe abgestimmt. Als wichtige Voraussetzung für den Konsens erwies sich dabei die Einführung eines Synonymwörterbuches.

Wichtige Aufgaben waren und sind:

Besonders wichtig für die breite Akzeptanz der ICNP ist ein möglichst vollständiges Synonymwörterbuch. Es gewährleistet, dass spezifische Termini jeder Pflegeeinrichtung weiter verwendet werden können. In der Datenbank aber kann zusätzlich zur hausspezifischen Benennung die im Konsens festgelegte Vorzugsbenennung und/oder der ICNPKode gespeichert werden. Dies erfolgt ohne Zusatzaufwand für das Pflegepersonal durch eine geeignete Software. Als Ergebnis stehen die Vorzugsbenennungen zusätzlich für alle weiteren Auswertungen zur Verfügung. Folgender Gesichtspunkt sollte nochmals betont werden: Niemand muss eine neue Sprache lernen. Wenn nur eine oder zwei Fachleute pro Pflegeeinrichtung sich intensiv mit der ICNP befassen, können alle anderen am Bildschirm mit den bisherigen Nutzeroberflächen weiter arbeiten. Die Fachleute haben die Aufgabe, die Verbindungen zwischen hauseigener Terminologie und ICNP so zu beschreiben, dass die Softwareanbieter eine nutzerfreundliche Software erstellen können.

Die oben genannten Arbeiten wurden auf zehn Konsens-Beratungen der Gruppe koordiniert und abgestimmt. Inzwischen haben sich vier regionale Arbeitsgruppen in Deutschland, je eine in der Schweiz und in Österreich herausgebildet, die die regionalen Gepflogenheiten und Erfahrungen der Pflegepraxis einbringen. Die vorliegende abgestimmte deutsche Konsensübersetzung der Betaversion der ICNP ist das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit.

Eine weitere wichtige Arbeit bestand im Aufbau von Kontakten zu den offiziellen Entscheidungs- und Kompetenzträgern auf dem Gebiet der Pflegeklassifikationen. Verbindungen wurden aufgebaut zum ICN bzw. zum ICN-Repräsentanten für Deutschland (DBfK), anderen Pflegeorganisationen, dem Bundesgesundheitsministerium sowie den Arbeitsgruppen Klassifikation und Pflegeinformatik in der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie.

Am 10. April 2001 wurde die Konsens-Übersetzung offiziell an die nationalen Repräsentanten des ICN in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz übergeben. Unter dem gemeinsamen Dach kann so in der Zukunft eine Mitsprache der Pflegenden aus dem deutschsprachigen Raum bei der Weiterentwicklung der ICNP besser gewährleistet werden. Die Betreuung der Nutzergruppe durch die Bundesgeschäftsstelle des DWK im Auftrag aller drei Verbände, der gemeinsame Internet-Auftritt und nicht zuletzt die gemeinsame Herausgabe des vorliegenden Buches sind gute Beispiele für eine erfreuliche Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Pflegeklassifikation.


 Letzte Änderung: Samstag, 16. Juli 2005 Webmaster:  Rudolf Widmer